NUKLEARKATASTROPHE VON TSCHERNOBYL

35 Jahre Stille

Foto oben: Am Rande des Roten Waldes, einem der radioaktivsten Orte der Welt, warnen Schilder vor der unsichtbaren, aber tödlichen Strahlung. 
Foto unten: Nur 70 Meter vom baugleichen Reaktor 3 entfernt, befinden sich die zerstörten Überreste des explodierten Reaktors 4. Der Ground Zero der Atomkatastrophe liegt hinter einer meterdicken Betonschicht begraben.


35 Jahre Stille

Vor 35 Jahren führten menschliches Versagen und bauliche Mängel zur größten nuklearen Katastrophe der Menschheitsgeschichte. Tschernobyl wurde dadurch zur kontaminierten Sperrzone. ZWISCHENZEIT ONLINE berichtet von den Schauplätzen des damaligen Geschehens.

 Text & Fotos: Michael Biach
Gestaltung: Heinz Stephan Tesarek

Es ist das Geräusch quietschender Schuhe, das die geisterhafte Stille im engen Korridor durchbricht. Der schmale Weg zum Kontrollraum von Reaktor 4 im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl ist mit zentimeterdicken, stark vergilbten Gummimatten ausgelegt. Von den Wänden bröckeln Fetzen von hellblauer Farbe ab, ein seltsam stechender Geruch liegt in der Luft, Wassertropfen fallen auf den feuchten Boden. Die unmittelbare Nähe zum Ground Zero, den Überresten des explodierten Reaktors 4, wirkt bedrückend. Mit jedem Schritt geht es tiefer unter das sogenannte New Safe Confinement, einer gigantischen Schutzhülle, die den Austritt von Radioaktivität verhindern soll.

„Von nun an muss es schnell gehen.“ Mit einem entscheidenden Ruck öffnet Stanislav, ein Offizier des Kernkraftwerks, eine dicke Stahltüre und betritt den dahinterliegenden Kontrollraum Vier. Vor 35 Jahren nahm hier die größte Atomkatastrophe der Menschheitsgeschichte ihren Ausgang. Noch immer geht von diesem schicksalshaften Ort eine immense Strahlengefahr aus, das Verweilen ist auf einige Minuten beschränkt. Zeit genug, damit Stanislav mit klaren Worten die tragischen Ereignisse jener Nacht zusammenfassen kann. Der Mann ist Anfang 40, hat ein diszipliniertes Auftreten und wirkt stets gefasst. Von seinem Hals prangt eine lange Narbe. Vor ihm liegen die ausgebrannten Überreste des Kontrollraums, einem zerstörten Autowrack gleich. Alles schimmert in einem leichten Violett, eine Folge der kontinuierlichen Dekontaminierungsmaßnahmen der Anlage.

Stanislavs Blick senkt sich auf eine leere Buchse, in der einst ein Schalter verborgen lag. „Alles begann an exakt dieser Stelle.“ Die Stimme des Mannes wirkt ungewöhnlich berührt. Am 26. April 1986, um 1.23 Uhr, betätigte der sowjetische Nukleartechniker Alexander Akimow im Block 4 den Schalter AZ-5, der eine Schnellabschaltung des gesamten Reaktors bewirken sollte. Damit wollte er einem unkontrollierten Leistungsanstieg im Reaktor entgegenwirken, ausgelöst durch einen Test der Notstromversorgung, den Akimow – entgegen seines ausdrücklichen Willens – durchführen musste. Akimow hatte sich lange dagegen gewehrt, doch sein Vorgesetzter Anatoli Djatlow lies dem Mann keine Wahl.

1994 berichtete Djatlow in einem Video-Interview über den Tag des Unglücks und seine Sicht der Ereignisse.


So führten schließlich menschliche Fehlentscheidungen, Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften und die längst bekannten bauartbedingten Mängel des graphitmoderierten Kernreaktors vom Typ RMBK, zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg und letztlich zur Explosion von Reaktor 4. Nachdem Akimow den Schalter betätigte, war die Welt nicht mehr dieselbe.

Noch immer steht Tschernobyl für die meisten Menschen als Synonym für den kollektiven Albtraum einer ganzen Generation. Für eine Welt, der die Technologie der atomaren Kernspaltung scheinbar außer Kontrolle geraten ist, manifestiert in einem apokalyptischen Endzeitszenario, das Mensch und Natur gleichermaßen bedroht. Durch die Explosion des Reaktors in Block 4 starben 30 Menschen, darunter Alexander Akimow, unmittelbar an den Folgen von Brandverletzungen oder akuter Strahlenkrankheit. Mindestens 4.000 weitere Opfer kamen laut einer Studie der Vereinten Nationen durch direkte Auswirkungen des Reaktorunfalls ums Leben, die Dunkelziffer könnte vielfach höher liegen. Hundertausende Menschen wurden evakuiert, ganze Dörfer wurden aufgrund der dramatischen Strahlenbelastung mit Bulldozern abgerissen und in der Erde vergraben. Prypjat, einst ein Vorzeige-Atomgrad und Heimat für knapp 50.000 Menschen, wurde am Nachmittag des 27. Aprils komplett evakuiert. „Man sagte den Menschen, sie könnten nach drei Tagen zurückkehren“, erzählt Stanislav. Doch aus wenigen Tagen wurde schließlich eine Ewigkeit. Bereits Stanislavs Vater arbeitete im Kernkraftwerk, ab Mai 1986 hätte die Familie schließlich in ein glanzvolles Zuhause nach Prypjat ziehen sollen. Dazu kam es nicht mehr. Die Verbitterung darüber ist auch nach vielen Jahrzehnten noch in Stanislavs Stimme zu erkennen.

Monatelang waren mehr als 200.000 Liquidatoren mit Aufräumarbeiten beschäftigt, opferten ihre Gesundheit und oft auch ihr eigenes Leben, um die Folgen des atomaren Desasters zu beseitigen. Alkoholmissbrauch und psychische Angststörungen stiegen ebenso rapide an, wie strahlenbedingte Schilddrüsenerkrankungen bei Kindern. „Es gab die Zeit vor der Katastrophe, und es gib die völlig andere Zeit, die danach folgte“, schrieb Michail Gorbatschow, der letzte Präsident der Sowjetunion über den Reaktorunfall. Dreieinhalb Jahrzehnte nach der Katastrophe herrscht im Kraftwerk jedoch eine fast schon banale Alltäglichkeit. Zwar hörte der letzte Block im Dezember 2000 auf, Strom zu produzieren, doch noch immer wird dort Strom gespeichert und vor allem Demontage und Entsorgung des Atomkraftwerks werden noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Mehr als 2.000 Menschen arbeiten in der Anlage, einst waren es mehr als 8.000 Angestellte. „Fisch oder Fleisch?“, fragt Stanislav beiläufig am Weg zur Werkskantine. Tschernobyl wäre beinahe ein Arbeitsplatz, wie jeder andere, wäre es nicht von kontaminierten Waldgebieten und Geisterstädten umgeben.

In den Ruinen von Prypjat betrachtet Oleksandr Rybak minutenlang das riesige Mosaik einer Frau mit einem Bündel im Arm. Zwischen kargen Bäumen glänzen unzählige bunte Kacheln hervor. Die Figur wirkt ängstlich, ist auf der Flucht. Dämmerung nennt sich das 1979 geschaffene Kunstwerk von Ivan Litovchenko, das die Mauer eines Lebensmittelgeschäfts an der Leninallee ziert. Oleksandr wirkt nachdenklich. Immer wieder holt er seine Kamera hervor, macht Fotos, betrachtet den Zustand, dokumentiert den Verfall. Der junge Mann arbeitet seit mehr als einem Jahrzehnt im Sperrgebiet, das in einem 30 Kilometer Radius um den havarierten Reaktor 4 angelegt wurde. Er begleitet Journalisten, Forscher und Touristen ins Herz der nuklear kontaminierten Zone. Nur wenige sind mit der Geschichte der Gegend und ihrem Schicksal so vertraut, wie Oleksandr. Für die HBO Miniserie Chernobyl wurde er als Berater engagiert.

„Die Zone ist kein Vergnügungspark, sondern ein Ort, von dem man lernen kann“, ist er sich sicher. In seiner Kindheit war Tschernobyl ein Tabuthema, das weckte seine Neugierde. Heute geht es ihm vor allem darum, möglichst viel zu erforschen und zu dokumentieren. Nachdem Prypjat aufgegeben wurde, verfielen Wohnhäuser, Geschäfte, Theater, Schulen und Hotels. In Abwesenheit des Menschen hat sich die Natur das Areal langsam zurückerobert, heute liegt die Stadt inmitten eines Waldes.

Noch immer offenbart ein Blick in die Gebäude, wie einst ein Leben im sowjetischen Alltag ausgesehen hat. Eine Zeitkapsel, einzementiert durch einen atomaren Supergau, der das pulsierende Leben einer ganzen Metropole über Nacht beendet hat. In dieser dystopischen Realität wirkt Oleksandr wie ein einsamer Archäologe in einem prähistorischen Gräberfeld. Er beobachtet den unaufhaltsamen Untergang dieser einstigen Metropole, deren Glanz ein so abruptes Ende nehmen musste. „Es braucht viel Geduld und Zeit, um alles zu verstehen“, sagt Oleksandr und hält eine historische Fotoaufnahme der Leninallee in Händen. Vor seinem geistigen Auge erhebt sich Prypjat erneut zum einstigen Glanz. Nie wieder wird es so sein. Die verlassene Stadt wird auch in tausend Jahren noch unbewohnbar sein.

Doch nicht alle Menschen haben diese Endgültigkeit akzeptiert. In dem verlassenen Dorf Kupuváte lebt Hanna Zavorótnja in einem bescheidenen Holzhaus. Der Steinofen neben dem Bett ist angenehm warm und am Küchentisch stehen ein Kartoffeleintopf, eingelegte Gurken und mehrere Gläser mit selbstgemachtem Wodka. Hanna ist 87 Jahre alt und stolz darauf, für sich selbst sorgen zu können. Der Gemüsegarten hinterm Haus sorgt für das Nötigste, aus dem Brunnen kommt Wasser. Schon immer war das Leben für die alte Frau beschwerlich. Mit wenigen Jahren starb das einzige Kind, die geliebte Schwester war stets ein Pflegefall. In den Tagen nach dem Reaktorunfall klopfte das Militär an ihre Türe und forderte sie auf, ihr Zuhause zu verlassen. Später sagte man ihr, dass sie nicht wieder kommen werde. Doch zwischen 1987 und 1988 entschieden sich mehrere hundert Menschen, gegen den Willen des Staates, in ihre Heimatdörfer zurückzukehren. Hanna, ihr Ehemann und ihre Schwestern kehrten ebenfalls zurück. Zunächst fanden sie ihr Haus geplündert und verfallen vor, konnten aber an anderer Stelle im Ort von vorne anfangen. Bald wurden die Rückkehrer auch von offizieller Seite toleriert und trotzten Jahrzehnte lang Radioaktivität und Einsamkeit gleichermaßen.

Hannas Mann starb bereits vor vielen Jahren, doch vor einigen Wochen verlor sie nun auch die geliebte Schwester, für die sie ihr Leben lang Sorge getragen hat. Jetzt ist Hanna alleine in einem Ort, der auf den meisten Landkarten längst nicht mehr existiert. Oleksandr Rybak besucht sie regelmäßig, sieht in ihr liebevoll eine Großmutter, für die er gerne da sein möchte. Er umarmt sie, hört sich ihre Sorgen an und versucht ihr gut zuzureden. Hanna schätzt seine Besuche, die ihren monotonen Lebensabend so angenehm durchbrechen. „Sascha“, strahlt die alte Dame mit Tränen in den Augen und küsst ihn sanft auf die Stirn. Sie weint um ihr Kind und ihre Schwester. Oleksandr weiß um ihre Einsamkeit und auch um ihre zunehmende Resignation. Ein irritierendes Gefühl der Hilflosigkeit überkommt ihn. Er weiß, wenn Hanns Leben endet, geht ein weiteres Kapitel der Geschichte von Tschernobyl zu Ende und es wird an ihm liegen ihr Andenken für die Nachwelt zu erhalten. Doch noch ist es nicht so weit. Noch einmal durchbricht Hanna mit ihren leuchtenden Augen und ihrem sanften Lächeln die Stille von Tschernobyl. „Wir sehen uns bei deinem nächsten Besuch“, lächelt die alte Frau fast schon wieder lebensfroh und winkt Oleksandr noch lange hinterher. Sascha wird wiederkommen, soviel ist sicher. ZZ


Über den Autor

Michael Biach, geboren 1979, lebt in Wien und befasst sich als Journalist und Fotograf mit kulturellen und sozialen Aspekten der Gesellschaft. Er berichtete unter anderem über illegale Kohleminen in Polen, die Arbeit der Entminungstruppen in Bosnien & Herzegowina sowie religiöse Zeremonien am Balkan und in Südostasien. Im Februar dieses Jahres erhielt er für diese Reportage Zugang zum Reaktor 3 und dem zerstörten Kontrollraum von Reaktor 4.


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