Der kleine Tod des Pornokinos

Der kleine Tod des Wiener Pornokinos

Eines der letzten Wiener Erotikkinos ist in der Favoritenstraße vorzufinden.
Jonathan Weidenbruch (Text) und Heinz Tesarek (Fotos) schauten sich das Fortuna Kino an.


Diese Reportage entstand in Kooperation mit der Straßenzeitung „Augustin“
und dem Institut für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien.


Die Frau hinter der Theke zündet sich noch eine Zigarette an. Mit einem Augenzwinkern verrechnet sie 10,50 Euro für das Tagesticket und wünscht mit einer rauchigen Stimme viel Spaß bei der Vorstellung. Sie sitzt hinter der Theke im Fortuna Kino. Das Foyer stammt aus einer Zeit, als Eleganz noch Mode war. Dunkelrot beleuchtete Wände. Das Mobiliar war ganz bestimmt mal sehr modern, mutet heute aber antik an. Im Eck steht eine alte Popcornmaschine auf drei Rädern. Ein paar Filmplakate und erotische Werbeposter zieren die Wände. Am Anfang des Foyers, neben den Sesseln, die High-Heels imitieren sollen, sitzt eine weibliche Gummi-Puppe auf einem Barhocker, eingekleidet mit Latexstiefeln und schwarzer Reizunterwäsche. Am Ende des Raumes ist der Eingang in den Kinosaal. Es sind nur zwei Gäste im Saal, die in den hinteren Reihen tief in den Stoffsitzen hängen und masturbieren. Immer wieder hört man leises Stöhnen oder zitterndes Ausatmen. Auf der Leinwand haben zwei braungebrannte junge Menschen mit trainierten Körpern Sex am Pool.

Glück oder Schicksal. Das Fortuna Kino, eines der letzten Erotikkinos in Wien, feiert dieses Jahr sein 99-jähriges Bestehen. Der aktuelle Betreiber wirbt zwar mit «Seit 1918», doch wissenschaftliche Quellen nennen 1920 als Gründungsjahr, damals noch als «Anker Kino», das 134 Sitzplätze bieten konnte. Mit der Aufnahme von Tonfilmen im Jahr 1931 erfolgte auch die Umbenennung in «Fortuna Ton Kino». Es ist zusammen mit den Breitenseer Lichtspielen in Penzing das letzte klassische Vorstadtkino Wiens. «Fortuna» heißt aus dem Lateinischen übersetzt so viel wie «Glück» oder «Schicksal».

Kaum passender, denn während das Kino vom erotischen Glück innerhalb seiner Wände lebt, muss es sich gleichzeitig dem Schicksal des Wandels von außerhalb stellen. In Favoriten gab es im Laufe der Geschichte – die Quellenlage ist hier nicht eindeutig – insgesamt an die 20 Kinos, wobei das Fortuna Kino als einziges überlebt hat, abgesehen vom Cineplexx Wienerberg, das erst 2001 errichtet worden ist. Als die großen Kinoketten nach Wien kamen, haben sie viele der kleinen Kinos in den Ruin getrieben. Mitte der 70er-Jahre fand sich auch das Fortuna Kino in einer Überlebenskrise wieder. Es sah sich gezwungen, den regulären Betrieb einzustellen, und baute das gesamte Kino in ein Erotikkino um. Die Zahl der Sitze wurde halbiert und der gesamte Betrieb erotisch eingefärbt. Mit den breiteren Sitzabständen wurde das Kinoerlebnis um einiges intimer und die Besucher_innen konnten ihren sexuellen Lüste mehr oder weniger freien Lauf zu lassen.

Es fehlt an Sympathie. Rund vierzig Jahre später steckt das Fortuna Kino erneut in einer Krise. Seine Existenz wird vom Aussterben der Kundschaft bedroht. Mario Adlassnig hat das Fortuna Kino vor vier Jahren übernommen und sorgt seitdem für das Überleben des Kinos. «An manchen Tagen kommen während der gesamten Öffnungszeit gerade einmal 20 Gäste in das Kino. Das ist extrem wenig und bei einem Eintrittspreis von 10,50 Euro kann man sich ausrechnen, dass hier nicht viel Geld zusammenkommt.» Die Lage des Kinos ist prekär.


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Auch Personal zu finden, das die Arbeit zuverlässig macht, ist schwierig. Mario Adlassnig erzählt, dass es in der Vergangenheit schon oft Probleme mit Aushilfskräften gegeben habe, die Tagespässe nicht verrechnet hätten, um sich das Geld selbst einzustecken. Was vor allem fehlt, sei eine Sympathie für das Etablissement und das Konzept der Erotikkinos an sich. Nicht nur bei der Aushilfskraft, sondern auch in der Gesellschaft. Mario Adlassnig vergleicht es mit anderen traditionellen Einrichtungen: «Wenn das Geschäft nicht läuft und kurz vor dem Sterben ist, interessieren sich die wenigsten dafür. Sobald es dann zumacht, finden es alle furchtbar traurig und fragen sich, wieso denn so ein Geschäft sterben musste.»

Das 1918 gegründete Währinger Gürtel Kino. 2018 kam "der kleine Tod" auch im 18. Bezirk zum letzten Mal

Der Grund für das drohende Aussterben dieser Genrekinos ist sehr logisch. Für viele Menschen hat ein Erotikkino einfach keinen praktikablen Nutzen mehr. Wer sich heute Pornofilme anschauen möchte, greift auf die immense Auswahl im Internet zurück. Erotikkinos zählen zu jenen Gewerben, welche durch die Digitalisierung laufend Kund_innen verlieren und sich fast nur mehr auf ihre langjährigen Kundenstämme verlassen können. Das Kino am Währinger Gürtel, ein anderes kultiges Erotikkino, das zum Fortuna Kino dazugehörte, hat diesen Kampf bereits verloren und musste letzten Sommer zusperren. Es sprach das urige Klientel an und konnte in Zeiten von Internetpornographie keine neuen Gäste gewinnen.

Feierabendbier im Foyer. Zu einem beachtlichen Teil lebt das Kino von Stammgästen und vor allem von denen, die mit den Erotikkinos in Wien aufgewachsen sind. Menschen, die bereits seit Jahren in der Szene unterwegs sind und das Fortuna Kino gut kennen. Das sind zum Beispiel Franz und Erwin, die an einem kleinen Tisch im Foyer gegenüber von der Theke sitzen. Beide sind aus unterschiedlichen Gründen hier. Franz kommt am frühen Abend ins Kino und trinkt hier sein Feierabendbier. Er erzählt, dass er am Kino vor allem die ausgelassene Atmosphäre schätzt. «Für mich ist es hier wie in einem Wirtshaus. Die Leute sind nett, man kann gut reden, und vor allem nimmt sich hier keiner ein Blatt vor den Mund.» Franz kennt sich in der Wiener Erotik-Szene nicht besonders gut aus. Ihn interessiert das weniger. Im Erotik-Kino zahlt er keinen Eintritt, denn wenn er hier ist, hält er sich nur im Foyer auf, im Kinosaal war er noch nie.

Hier nimmt keiner ein Blatt vor den Mund. Wenn es um Sex, Erotik oder Prostitution geht, sind die meisten ganz offen und schämen sich nicht, über ihre Bedürfnisse und Vorlieben zu sprechen. Erwin sitzt neben Franz und macht sich eine Flasche Cola auf. Die trinkt er meistens, wenn er mal wieder das Fortuna Kino besucht. Erwin kennt die Wiener Erotik-Szene schon sehr lange und auch dementsprechend gut. Er kommt aber nicht nur wegen dem Kino her, auch ein anderes Service, das angeboten wird, nützt er: Seit 2016 erfüllt das Fortuna Kino die Richtlinien des Wiener Prostitutionsgesetzes. Aktuell arbeitet Susi hier, und Erwin erzählt, dass sie es ihm besonders angetan hat. Es dauert nicht lang, bis Erwin und Susi im Kinosaal verschwinden und es sich auf der Couch in der letzten Reihe gemütlich machen.

Freiheit im dunklen Saal. Im Tagesgeschäft kommen Gäste auch wegen des erotischen Filmes vorbei. Das Kino gibt ihnen ein Gefühl, das sie zuhause vor dem Computerbildschirm so nicht bekommen. Mario Adlassnig spricht von «sehen und gesehen werden». Viele der Besucher_innen schätzen die Gesellschaft anderer, wenn sie sich selbst befriedigen. Die Möglichkeit einer Berührung oder Oralsex mit anderen Gästen zieht die Leute in ein Erotikkino, wo sie sich aus ihrem Alltag und vor allem von gesellschaftlich festgelegten sexuellen Normen befreien können.

Im dunklen Kinosaal weiß niemand, wer der oder die Andere ist, und es interessiert keine_n, welche sexuelle Orientierung man außerhalb des Kinos auslebt. So ist das Kino auch ein Treffpunkt. Die Dinge ergeben sich hier oft ganz spontan. Man sitzt nebeneinander, tauscht Blicke aus und legt die Hand in den Schoß des Sitznachbarn oder der -nachbarin. Wenn man nicht abgewiesen wird, kommt man sich näher.

Einmal im Monat Nostalgie. Im krassen Gegensatz dazu verwandelt sich das Fortuna Kino jeden vorletzten Samstag im Monat für eine Nacht in ein ganz normales Kino. Der reguläre Betrieb endet um 19 Uhr, damit bis 19.30 Uhr das Kino für den «Nostalgieabend» bereit ist. Erotische Plakate und Sex-Werbungen werden abgehängt und zur Primetime spielt es Klassiker wie Ein Mann sieht rot oder Zwei glorreiche Halunken. Popcorn, Mannerschnitten und eiskalte Frucade lassen dann auch den letzten Hauch von Erotik aus dem Kinosaal entweichen und vollenden das perfekte nostalgische Flair.

Vor dem Einlass der Kinobesucher_innen wird der Saal komplett gereinigt. Assoziationen zu einem Erotikkino sind vermutlich unhygienische Kinositze und unappetitliche Hinterlassenschaften voriger Gäste. Um dem entgegenzuwirken, achtet das Fortuna Kino sehr auf Sauberkeit. Ein spezielles Mittel desinfiziert die Sitze, und der gesamte Saal wird nicht nur sauber gemacht, sondern duftet am Ende frisch.

Nachdem die letzten Pornoszenen des regulären Programms über die Leinwand geflimmert sind, leert sich der Saal fast wie von selbst, ein paar bleiben aber immer sitzen. Mario Adlassnig legt meistens noch einen kurzen Pornofilm in den Projektor und wartet, bis die übrig gebliebenen Gäste den Saal verlassen haben. Kurz nach zehn Uhr sperrt Mario die Tür hinter Susi und dem letzten Gast zu – bis  am nächsten Tag um zwölf der Film von vorne beginnt. ZZ


Das ZZON-Team

Jonathan Weidenbruch ist 1997 in München geboren und in Frankfurt am Main aufgewachsen. Er studiert Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien. “Der kleine Tod des Pornokinos” entstand im Zuge einer Lehrveranstaltung zu investigativem Journalismus.

Heinz Stephan Tesarek ist Fotojournalist und Gründer von ZWISCHENZEIT ONLINE. Für den „Augustin“ fotografierte er zuletzt auch „Chabela, die Königin vom Kella“.


Der Augustin

Fotoreportagen, die ZWISCHENZEIT ONLINE in Zusammenarbeit mit „Der Augustin“ produziert, erhält „Die erste österreichische Boulevardzeitung“ zu speziellen Konditionen:


ZZON-Filmtipp:

Cinéma Érotique

Frankreich, 2007
Regie: Roman Polanski
Studio: Cannes Film Festival
Dauer: 3 Minuten
Den Link zum Film finden Sie hier


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Chabela, die Königin vom Kella

Chabela, die Königin vom Kella

Akrobatische Kämpfe, alberne Outfits, absurde Charaktere. Eine junge Generation von Athlet_innen und der Weg in den Untergrund haben Wrestling zu einer neuen Zielgruppe verholfen. Über die Renaissance eines Ur-Wiener Sports berichten Sebastian Panny (Text) und Heinz Stephan Tesarek (Fotos).


Diese Reportage entstand in Kooperation mit der Straßenzeitung „Augustin“
und dem Institut für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien.


Das Gespenst des Kapitalismus hält an diesem verregneten Sonntagnachmittag im Jänner auch im Weberknecht Einzug – in der Person der «Million Dollar Ma’am». Das Gesicht versteckt hinter einer Ringermaske und mit prall gefüllten Geldsäcken in den Händen erwartet sie ihre Gegnerin. «She’s got balls» von AC/DC erklingt, Jubel brandet auf. Das Publikum ruft nach der «Königin vom Kella». Chabela sprintet auf die Bühne und zieht sich zwei Eier aus dem Höschen. Die Geldscheine, die ihre Kontrahentin als Bestechungsversuch zusteckt, nimmt sie entgegen – nur um sie publikumswirksam anzuzünden. Die Leute sind angeheizt, der Kampf kann beginnen.

Das Konzept des Wrestlings ist schnell erklärt: Mindestens zwei Athlet_innen bestreiten einen möglichst spektakulären Kampf. Wer gewinnt, wird im Vorhinein bestimmt. Als Wrestling noch Catchen genannt wurde, waren die Kämpfe ein Massenspektakel. Wien galt als eines der europäischen Zentren, ab 1892 fanden im Prater Veranstaltungen statt. Allein im Sommer 1964 fieberten laut ORF-Bericht insgesamt mehr als 350.000 Menschen bei den Shows am Wiener Heumarkt mit. Der letzte große österreichische Vertreter seiner Zunft war Otto Wanz, er durfte sich sogar World Heavyweight Champion nennen. Nach seinem Karriereende 1990 sank die Popularität des Sportes im deutschsprachigen Raum. Kurz vor der Jahrtausendwende ging auch der letzte Kampf am Heumarkt über die Bühne.

Kämpferinnen im Untergrund. Im Keller des Lokals am Lerchenfelder Gürtel drängen sich etwa 170 Personen aneinander und an die kahlen Backsteinwände. Es ist heiß, finster und stickig, der Boden leicht klebrig. Plakate künden von den Veranstaltungen, die sonst stattfinden, die Palette reicht von Bravo-Hits- bis Goa-Partys. Einige der Anwesenden kennen sich, sie werfen sich Grüße zu. Die unterschiedlichsten Leute haben zehn Euro Eintritt bezahlt: Die Sozialarbeiterin mit Dreadlocks und Bandshirt sitzt hier neben dem alten, grauhaarigen Mann im Norwegerpulli. Der überwiegende Teil des Publikums ist jung und könnte auch bei den Abendveranstaltungen anwesend sein, überraschend viele Frauen sind darunter. Warum sie alle hier sind? «Es geht nur um die Gaudi», so eine der Zuseherinnen.

Alle zwei Monate veranstaltet **World Underground Wrestling**(WUW) Kämpfe im Weberknecht, sechs stehen an diesem Tag an. Das vorletzte Match, der zweite Frauenkampf an diesem Nachmittag, ist jenes zwischen Chabela und Million Dollar Ma’am. Es folgt einer klassischen Dramaturgie: Nach dem Einlauf beginnt ein Geplänkel, die Kämpferinnen teilen Schläge aus und werfen sich gegenseitig zu Boden. Million Dollar Ma’am hat bald die Oberhand, das Publikum ist nicht glücklich darüber. Rollen und Sympathien sind klar verteilt.

«Zuerst habe ich mir gedacht, ich muss die Böse geben. Das ist aber wirklich harte Arbeit und benötigt viel Erfahrung. In erster Linie musst du gegen das Publikum sein. Ich habe dann alles auf mich zukommen lassen – das ist jetzt eben da, damit spiele ich», erzählt Chabela in einem Beisl in Rudolfsheim. Die 38-Jährige heißt im echten Leben mit Vornamen Isabell. Ihren Nachnamen möchte sie nicht in dieser Zeitung finden, es solle – ihrem Wunsch nach – ihre Bühnenfigur im Mittelpunkt stehen.


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Isabell kommt, wie einige Wrestler_innen, aus der performativen Kunstszene. Eigentlich ist Isabell Clownin, sie verdient ihr Geld auch als Kindergartenpädagogin und mit Straßentheater. Irgendwann wollte sie einen Kampfsport erlernen, bald kam sie auf Wrestling, «diese saublöden Gestalten, die da bunt angezogen in die Manege reiten und sich gegenseitig vermöbeln». Vor vier Jahren suchte sie sich eine Wrestlingschule aus und ging zu einem Trainingstermin. Dass genau an diesem Tag das Training ausfiel, änderte nichts daran, dass Chabela schon vier Monate später ihren ersten Kampf bestritt.

Drama, Baby. Das Match nimmt nun Fahrt auf, langsam wendet sich das Blatt. Das liegt nicht nur am Geschehen auf der Bühne, das Publikum spielt hier mit. Die Zuseher_innen kommentieren, feuern an – und vor allem schimpfen sie. «Brich ihr’s Gnack!» ist noch einer der harmloseren Zwischenrufe. Drei Frauen sehen sich erschrocken um, rücken etwas näher zusammen. Sie studieren Theaterwissenschaften und sind nur wegen einer Lehrveranstaltung hier. «Ich finde das eher verstörend», meint eine von ihnen.

«Schlimm ist es, wenn die Leute ruhig sind. Wrestling ist wie eine Seifenoper – nur halt mit Publikumsbeteiligung und Kampfsport», meint Chabela. Viele Zuseher_innen kommen regelmäßig und bringen Schlachtrufe für ihre Favorit_innen mit. Sie sind hier nahe am Geschehen: Im Unterschied zum normalen Wrestling gibt es weder Ring noch Seile. Die Kämpfe finden auf einer Bühne statt, verlagern sich oft auf den Bereich davor oder in den Gang zwischen den Bänken. Dort landet auch Chabela, sie hat ihre Gegnerin mittlerweile im Griff und jagt sie durch das Publikum. Nach einer Tracht Prügel wuchtet sie Million Dollar Ma’am auf ihre Schultern, steigt auf die Bühne und präsentiert ihre Beute.

Ein Gast ist begeistert: «Das hier hat eine ganz eigene Atmosphäre, es ist wie ein trashiges B-Movie!» Nach dem Event versammeln sich alle Kämpfer_innen für ein Foto auf der Bühne. Um Chabela herum sind vorwiegend männliche Kollegen, manche sehen aus, als könnten sie einen mühelos in zwei Hälften brechen. Wird man als Frau in so einer Umgebung ernst genommen?

«Sexismus oder Belästigungen habe ich hier nie erlebt», betont Chabela. Sie wirkt fast empört über die Frage. «Am Anfang gab es vereinzelt Rufe aus dem Publikum, die zu weit unter die Gürtellinie gingen. So etwas wie ‹Scheiß ihr auf den Bauch!› Als es mir mal zu tief wurde, hab ich mir das Mikro geschnappt und das Publikum gefragt ‹Oida, wem von euch soll ich jetzt am Bauch scheißen?› Da waren sie ruhig. Jetzt habe ich schon lang nicht mehr so etwas gehört, aber das Publikum hat sich auch verjüngt.» Auch die Gagen sind fair: Alle Erlöse des Tages werden gleichmäßig verteilt.

Der Preis des Erfolgs. Wrestling ist nicht nur Show. Bis ein Sportler oder eine Sportlerin in der Lage ist, einen Kampf zu führen, dauert es einige Zeit. Im Keller einer katholischen Privatschule findet eines der zwei wöchentlichen Trainings statt. «Heute ist das erste nach einer Show. Da kommen immer recht wenige», erzählt Chabela am Weg. Vier Personen sind es diesmal – inklusive Trainer.

«Zuseher brauchen wir nicht noch mehr, da sind wir eh schon an unseren Grenzen. Nachwuchs brauch ich dringend!» Klein, stämmig, feurige Tattoos bis hinauf zur Glatze, keine fünf Sätze ohne einen Spruch in breitestem Wienerisch – Gerhard Hradil alias Humungus ist der Inbegriff des Wiener Strizzi.

Über 30 Jahre ist er jetzt in der Branche tätig. Erst als Kämpfer, dann als Veranstalter. «Früher war alles ernster. Erst 1997 wurde öffentlich gemacht, dass Wrestling nicht wirklich echt ist. Sogar ich war mir damals nur zu 90 Prozent sicher, dass das alles gespielt ist.» Während er erzählt, üben seine Schüler_innen, korrekt hinzufallen. «Du musst natürlich beide Aspekte lernen: das Kämpfen und die Show. Das Kämpferische ist dabei sicher schwieriger. Herkommen kann aber jeder. Heast, oft kannst nicht so fallen, ohne dir die Hand zu brechen!», ruft er einem seiner neueren Schüler zu. Viele seiner Schützlinge interessieren sich eher für die künstlerischen Aspekte – Charakter ausdenken, Outfit designen, die Rolle verkörpern. «Bei der Schauspielerei gibt es keinen Körperkontakt, das ist der Unterschied. Das müssen viele erst lernen.»

«Alle nahmen sich zu ernst.»Sein Sport wird in den letzten Jahren wieder populärer, die Kämpfe sind praktisch ausverkauft. «Wir sind 2012 der WUW beigetreten, eigentlich wollte ich davor schon aufhören. Es war viel Arbeit, die Shows waren aufgeblasen, gleichzeitig nahmen sich alle zu ernst. Dass ich etwa am Ende der Show noch alle für ein Foto auf die Bühne bringe, wäre früher nicht gegangen. Viele würden mich auch heute noch fragen, ob ich deppert bin. Aber vielleicht macht das auch unseren Erfolg aus.» Auch Chabela erklärt sich den Boom der letzten Jahre ähnlich. «Wir nehmen den Sport schon ernst. Aber uns selbst dafür nicht ganz so.»

Ihr Kampf mit Million Dollar Ma’am nähert sich seinem Ende. Chabela wirft ihre Kontrahentin zu Boden und sich selbst, Ellbogen voran, drauf. Ein mehrkehliges «Uhhh» ertönt im Publikum – teils aus Bewunderung, teils aus mitgefühltem Schmerz. Schließlich beendet sie das Leid ihrer Gegnerin mit einem Aufgabegriff, der Schiedsrichter erklärt sie zur Siegerin. Chabela nimmt sich einen Geldsack, läuft durch das Publikum und lässt es falsche Geldscheine und Schokomünzen regnen. Das Volk feiert seine Königin!

Das ZZON-Team

Sebastian Panny, geboren 1986 in Reichraming, studiert Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien. „Chabela, die Königin von Kella“ entstand im Zuge einer Lehrveranstaltung zu investigativem Journalismus.

Heinz Stephan Tesarek ist Fotojournalist und Gründer von ZWISCHENZEIT ONLINE. Für Tesarek war es die erste Reportage, die in Zusammenarbeit mit der Straßenzeitung AUGUSTIN entstand.

ZZON-Veranstaltungstipp

Nächste Wrestlingshow:

3, März, 16 Uhr

Weberknecht

16., Lerchenfelderstraße 47

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Musiktipp: Ibrahim Maalouf - True Sorry

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Ibrahim Maalouf – True Sorry
Album

Künstler: Ibrahim Maalouf
Title: True Sorry
Album: Illusions
Erscheinungsdatum: 5. November 2013
Label: Mi’ster Productions
Genre: Jazz


Der Gruß der Gotteskrieger

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