Plötzlich sind Sie eingesperrt

Plötzlich sind Sie eingesperrt

Um Pflegeheimbewohner vor dem Virus zu schützen, hat man sie daran gehindert, die Häuser zu verlassen. Wer darf entscheiden, ob Menschen isoliert werden? Und wieso wird darüber nicht mehr gestritten? Eine Imagination.

Von Nina Strasser (Text und Bild)

Stellen Sie sich einmal vor, Sie beschließen, ganz von vorne anzufangen. Die Umstände verlangen danach. Sie übersiedeln aus Ihrem geräumigen Eigenheim in ein kleines Zimmer, im dritten Stock eines Wohnkomplexes gelegen, in dem rund 300 weitere Personen leben und außerdem 100 Menschen beschäftigt sind. Die Miete, sie ist unbefristet, beläuft sich auf 3600 Euro und könnte sich mehr als verdoppeln. Sie erhalten zwar Förderung; zum Leben bleibt Ihnen nur Taschengeld. Dafür ist der Zimmerservice inklusive. Ihre Tochter entsorgt aus Ihrer alten Bleibe den Großteil des Interieurs. Ihren zehnjährigen Rauhaardackel vertrauen Sie einer Freundin an. Denn an Ihrem neuen Lebensmittelpunkt muss alles in zwei Schränke passen.

Im Pensionisten-Wohnhaus können Sie es sich endlich gut gehen lassen. Von Ihnen wird hier nichts mehr verlangt. Der Direktor begrüßt Sie mit Blumen in der Hand. Essen gibt es in der Kantine, einmal wöchentlich wird geputzt. Das Personal schaut stets nach Ihnen – nur die Besucher bleiben aus. Das Haus liegt weitab vom Schuss. Eine Bekanntschaft zu einem Ihrer Nachbarn schließen Sie beim Blasmusikkonzert im kleinen Garten. Ihre Schwerhörigkeit bleibt unbemerkt. Stellen Sie sich vor, Sie sind jetzt 90 Jahre alt.

Vor die Haustüre gehen Sie ungern allein. Sie kennen die Umgebung nicht. Und ohne Smartphone kommen Sie gar nicht auf die Idee, nach Kaffeehäusern zu googeln. Das Taschengeld von 250 Euro lässt Sie sowieso keine großen Sprünge tun. Das Datum kennen Sie selten, nur wenn Ihre Tochter Sie besucht, wissen Sie, dass Sonntag ist. Sie bringt die Batterien des Hörgeräts und manchmal neue Unterhosen. Sitzen Ihre Zähne richtig, sind die Fingernägel schon zu lang? Von Behörden sind Briefe angekommen, die Tochter kennt sich damit aus. Sie selbst haben vor langer Zeit den Überblick verloren. Immer wieder verschwinden Dinge und lassen sich partout nicht wiederfinden. Irgendwer aus diesem Haus steckt dahinter. Allein Ihrer Tochter können Sie absolut vertrauen. Sie erzählt Ihnen oft von draußen und nimmt Sie, das ist Ihr größtes Glück, regelmäßig dorthin mit. Doch plötzlich sind Sie eingesperrt.

Vor dem Haus sitzt jetzt ein Wachmann, und das Pflegepersonal verbirgt hinter Masken die Gesichter. Das Essen verspeisen Sie statt in der Kantine ab sofort alleine auf dem Zimmer. Zum Bekannten von der Nachbartür heißt es ab jetzt Abstand halten. Die Tochter werde erst mal gar nicht kommen, erklärt Ihnen das Personal. Ein Virus, das aus China komme, trage Schuld an der Misere. Eine Infektion könne für Menschen Ihres Alters tödlich enden. Die Regierung habe empfohlen, die Besucher mit 13. März auszusperren. Und sollten Sie vor die Haustüre treten, winken Ihnen zwei Monate Quarantäne. Dieses Haus, in dem Sie leben, scheint ein unsicherer Ort. Besser, Sie bleiben nun im Bett. Das Personal bemüht sich um Sie, doch für lange Unterhaltungen fehlt selbst den Motiviertesten die Zeit. Dann hält Ihnen ein junger Mann einen Fernseher vors Gesicht. Im Bild ist Ihre Tochter und spricht. Sie haben hoffentlich nicht vergessen, dass Sie schwerhörig sind!

Die Tochter stellt sich und anderen Fragen: Wieso wurde das Pensionisten-Wohnhaus zugesperrt, als in Ischgl noch gefeiert wurde? Wieso darf sie Sie nicht besuchen kommen, während andere vor Baumärkten in der Schlange stehen? Als Antwort erhält sie stets: Es diene Ihrer Sicherheit! Die Ehefrau Ihres Nachbarn, die früher täglich kam, ruft Ihre Tochter an und weint. Ihr Mann sei letzte Nacht verstorben, sie konnte ihn trotz aller Vollmachten seit Wochen nicht mehr sehen.

3922 Menschen versterben im März und April dieses Jahres in Österreichs Pensionisten-Wohnhäusern, 5,5 Prozent davon rafft das Virus dahin. Getestet wird zugleich in den Einrichtungen wenig. Erst nach zwei Monaten der Isolation beginnen sich die politischen Entscheidungsträger wieder der Senioren anzunehmen. 923 infizierte Bewohner wird die Bilanz am Ende sein. Wie es dazu kommen konnte, werden manche Direktoren so erklären, dass ihnen zu Beginn nur 30 Prozent der erforderlichen Schutzausrüstung zur Verfügung standen. Zahlen über infiziertes Personal gibt das Gesundheitsministerium nicht an.

Als sich die Altersheime im Mai zaghaft öffnen, tritt eine Blaskapelle im Garten auf. Ihren Bekannten können Sie nicht finden. Dafür steht Blumenschmuck auf den Tischen und das Fernsehen filmt mit. Ihre Tochter erkennen Sie kaum wieder, und 50 Minuten später bringt man Sie zurück ins Bett des Doppelzimmers, das Sie jetzt als Vollzeitpflegefall bewohnen.

Die Kontrollorgane – lange haben sie sich still verhalten – beklagen, dass man Ihnen und 95.000 Bewohnern von Pensionisten- Wohnhäusern und Pflegeheimen mehr Rechte als den anderen Bürgern nahm. Denn laut Ausgangsregelung der Regierung – verfassungswidrig, wie sich später zeigt – durfte jeder Mann und jede Frau ins Freie. Auch außerhalb der Hausanlagen wäre spazieren gehen für Sie erlaubt gewesen, ja sogar die Tochter treffen. Nur bei den vielen Pressekonferenzen fiel diese Info unter den Tisch. Das gab dem Direktor Ihres Hauses die Möglichkeit, Sie und Ihre Mitbewohner von seinen Hausregeln zu überzeugen. Schließlich haftet er persönlich für Ihre und der anderen Sicherheit. Luft schnappen durften Sie ohnehin im Garten. Und wo ein solcher fehlte, machte man das Fenster auf.

Eine Studie des Gesundheitsministeriums will beweisen, wie gut es Ihnen ohnehin erging. Die Stimmung in den Häusern sei familiär entspannt und ruhig gewesen, steht darin geschrieben. Man habe sich den Bewohnern noch mehr gewidmet als zuvor, sagten Pflegeleiter und Direktoren. Auf erhöhte Einsamkeit habe man keine Hinweise entdeckt. Ihre Mitbewohner oder gar Sie selbst hat man dafür nicht befragt. Vermutlich haben Sie ohnehin vergessen, dass man Sie entgegen den Menschenrechten hinter verschlossenen Türen hielt. Der Bundeskanzler wünschte Ihnen unlängst in einer Rede, in Zukunft mehr Kontakt zu haben – schlimmstenfalls warten Sie doch bis zum nächsten Sommer ab. Der Gesundheitsminister schmiedet Pläne, doch entscheiden kann er für Sie nichts, denn die Macht besitzt nur sein Pendant vom Bundesland. Die Umsetzung dessen Maßnahmen – sie sind flexibel – liegt ohnehin in des Direktors Hand.

Fällt es Ihnen schwer, sich das alles vorzustellen? Schließlich sind Sie zu jung, um in ein Alters- oder Pflegeheim zu ziehen. Ohnehin haben Sie das auch gar nicht vor? Sie hoffen wohl auf Selbstbestimmung bis ans Lebensende, das – wenn Sie jetzt um die 40 Jahre alt sind – statistisch gesehen in 40 Jahren fällig werden könnte. Dann liegt Ihr Risiko, an Demenz erkrankt zu sein, bereits bei über 15 Prozent. Werden Sie älter als 90 Jahre, liegt die Chance bei über 40 Prozent. Häufiger ist im hohen Alter zum Beispiel die Depression verbreitet.

Wie wird Ihr Pensionisten-Wohnhaus oder Pflegeheim in der Zukunft aussehen? Darf das Haustier mit zu Ihnen ziehen, oder gibt es nur Platz für noch mehr alte Menschen? Werden Sie Aufgaben übernehmen können, oder werden Sie stattdessen ruhiggestellt? Mögen alte Freunde Sie dort besuchen, oder liegt es möglichst weit entfernt? Werden die Pflegekräfte gut bezahlt, oder hat man sie durch Roboter ersetzt? Werden Sie noch Teil dieser Gesellschaft sein, oder sperrt man Sie einfach weg? Wer wird im Notfall über Sie entscheiden? Stellen Sie sich vor, es werden nicht jene die Sie lieben, sondern Politiker und Direktoren sein. ZZ


Dieser Text erschien in der Wochenzeitung DIE FURCHE 36/2020.


Über die Autorin

Nina Strasser ist freischaffende Autorin und Fotografin. Die Salzburgerin unterrichtet Journalismus an der FH Wien und schreibt unter anderem für die Straßenzeitung Augustin. Für ihre Texte zum Thema Pflege erhielt sie den Karl Renner Publizistikpreis, den Silver Living Award und den Preis der Ärztekammer Wien. Am 12.11.2020 bekam sie den Prälat Ungar Preis der Caritas für einen Artikel über die Isolation von Bewohner_Innen in Alten- und Pflegeeinrichtungen während der Corona-Pandemie.


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Der Corona-Lockdown und die armen Wiener

Aufmacherbild oben: In Wien kommt es infolge des Corona-Lockdowns zu Hamsterkäufen.
Bild darunter: Am Weg zurück in meine Heimatgemeinde Öblarn. Festgehalten mit dem Selbstauslöser meiner Analogkamera.


Der Corona-Lockdown und die armen Wiener

Im Garten fernab von Corona lässt sich die Krise gut ausblenden. Aber ist die Situation am Land wirklich besser? Eine persönliche Erzählung von der Rückkehr in die Heimat.

von Nina Thiel (Text und Bild)

Gestaltung: Heinz Stephan Tesarek

Es ist ungewöhnlich warm für einen obersteirischen März. Mein Vater gießt die Hochbeete öfter als üblich, so auch heute am Sonntag. Ich trage keine Schuhe. Das Gras im Garten meiner Eltern ist lange und weich. Die Mittagssonne spiegelt sich in den Glashäusern und blendet mich. Mit zugekniffenen Augen beobachte ich, das Wasser aus dem Gartenschlauch und auf die kleinen Salatpflanzen regnenIch höre zwitschernde Vögel und die Stimme meiner Mutter. Zwischen den Hochbeeten telefoniert sie mit Verwandten. Ich lege mich ins Gras und bin froh nicht mehr in der Großstadt zu sein. „Die Armen“, geht es mir durch den Kopf. Ich verfolge das Telefonat und denke an Verwandte und Freund_innen in städtischen Wohnungen.

Wo das Leben still steht

Obwohl die Pandemie mit der Schließung von Hochschulen und einer willkommenen Lernpause beginnt, habe ich beschlossen, Wien zu verlassen. Alleine in meiner Singlewohnung – sie hat zwei Fenster aber keinen Balkon, Terrasse oder Gartenzugang – würde ich Ausgangsbeschränkungen nicht erleben wollen. Lieber dorthin, wo das Leben angeblich still steht.

Ich befinde mich in meiner Heimatregion: der 2.020-Einwohner Marktgemeinde Öblarn. Österreich erlebt seit über zwei Wochen einen sogenannten Lockdown: Geschäfte für Luxusgüter haben geschlossen, Freizeit- und Kulturangebote wurden eingestellt. Veranstaltungen wurden abgesagt oder auf unbekannte Dauer verschoben und die Außengrenzen bis auf Ausnahmen geschlossen. Die Bevölkerung wird dazu aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Die Weitläufigkeit meiner Heimatgemeinde beruhigt mich. Immerhin leben hier nur etwa 29 Menschen pro Quadratkilometer während es im Bundesland Wien durchschnittlich 4.609 gemeldete Einwohner_innen auf gleicher Fläche sind. Gesperrte Bundesgärten verkleinern den städtischen Freiraum zusätzlich. Einschränkungen bei der Benützung der öffentlichen Verkehrsmittel verhindern Ausflüge in umliegende Naturgebiete. „Die sind eh arm, die Wiener “, besprechen wir, während wir die Situation in den Fernsehnachrichten verfolgen.

Während die Stadt Wien am 24. März, 542 am Corona-Virus Erkrankte meldet, sind es am Land deutlich weniger. Im Bezirk Liezen, welcher Öblarn gemeinsam mit 29 Gemeinden umfasst, verzeichnet das Gesundheitsministerium am selben Tag 49 infizierte Personen. Die Zahlen wirken im ersten Moment beruhigend, stützen aber nicht meine Vorstellung der ländlichen Sicherheit. Prozentuell gesehen sind in der Hauptstadt sogar weniger Menschen mit dem Virus infiziert.

Video oben: Die Krise bringt auch kindliche Unbekümmertheit mit sich – meine erste Runde auf dem Einrad nach sieben Jahren.


Heimaturlaub im Homeoffice

Einige Tage nach der Rückkehr in meine Heimatgemeinde ist die Lernpause vorüber. Ich sitze am Laptop und befinde mich „an der Fachhochschule“. Das Gästezimmer meiner Eltern ist zu meinem Homeoffice geworden. Der digitale Unterricht ist ungewohnt für Lektor_innen als auch für Studierende. Technische Probleme, schlechte Internetverbindungen und Unklarheiten zum Ablauf von Prüfungen prägen die Online Gespräche. Die letzte Vorlesung des Tages ist vorbei. Meine Augen Schmerzen vom grellen Computerlicht und eine weitere Videokonferenz startet. Mit einer Dose Bier in der Hand, begrüße ich meine Freund_innen am Bildschirm. Sie befinden sich momentan in Wien. Wir sprechen darüber, wann wir uns wiedersehen würden. „Ich weiß es nicht.“ Noch plane ich nicht nach Wien zurück  zu kehren.

Es ist eben besser, während der Corona-Krise am Land zu leben. Zumindest sind 76% der Österreicher_innen dieser Annahme, wie eine Umfrage von Raiffeisen Immobilien ergeben hat. Aber auch die ländliche Idylle ist von Corona betroffen. Zwei örtliche Gasthäuser, ein Café sowie zwei Friseurbetriebe mussten in Öblarn, den Auflagen der Regierung entsprechend, während des sogenannten Lockdowns schließen. Besonders stark leidet laut dem Arbeitsmarktservice die Tourismusbranche an der Krise. Sie ist der einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige meiner Heimatregion. Die Arbeitslosigkeit im Ort ist seit Februar um etwa 73% gestiegen, während die Zunahme in Wien, laut AMS bei etwa 38% gelegen hat.

Beschauliches Landleben

Für die Einheimischen erscheint die Situation herausfordernd. Trotzdem „flüchten“ viele Menschen während der Corona-Krise aus urbanen Regionen aufs Land. Insgesamt 170 Personen haben laut der Gemeinde ihren zweiten Wohnsitz in Öblarn gemeldet. Wie viele Ferienhäuser während der Corona-Krise tatsächlich bezogen wurden, ist unklar. Man merke aber die Rückkehr vieler Menschen, welche die meiste Zeit in Städten leben, arbeiten oder studieren wie Sandra Bucher, Angestellte im Gemeindeamt, erzählt. Mindestens drei weitere Wiener Studierende treffe ich im gemeinsamen Heimatort. Eine von ihnen, Lena, meint: „Man muss es am Land gar nicht mitkriegen – man lebt sein beschauliches Landleben.“ An Corona denke sie aktuell nur, sobald sie im einzigen örtlichen Lebensmittelgeschäft ihre Schutzmaske trägt.

Etwa sieben Wochen nach meiner Stadtflucht, befinde ich mich wieder in Wien. Die österreichische Wirtschaft fährt langsam hoch, wie es Expert_innen nennen. Die Maßnahmen haben Wirkung gezeigt und die Zahl der täglichen Neuerkrankungen in Österreich hat sich im zweistelligen Bereich eingependelt. Tendenz landesweit fallend.

Ich schaue aus einem der beiden Fenster meiner Wohnung und beobachte die Menschen auf der Straße. Wenige tragen Mundschutz. Den Mindestabstand halten fast alle ein. Die Wiedereröffnung meines Lieblingscafés, die bekannten Bierverkäufer_innen am Donaukanal und die Aussicht auf bald wieder stattfindende Filmvorstellungen im Schikaneder Kino nehmen mir dir einstige Unsicherheit vor der Einengung der Stadt. Die zahllosen Möglichkeiten des städtischen Alltags kehren zurück. Heute erkenne ich die Fragilität meiner urbanen Freiheit und schätze sie dadurch umso mehr. Vor allem schätze ich aber seit dem Corona-Lockdown die Beständigkeit meiner Heimat. Und ihre Unabhängigkeit. Die Möglichkeit der gelegentlichen „Flucht“ auf’s Land erscheint mir seit der Krise wertvoller denn je. ZZ


Diese Reportage entstand im Rahmen einer Lehrveranstaltung des Instituts für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien.


Über die Autorin

Nina Thiel studiert Content Produktion und digitales Medienmanagement an der FH Wien der WKW. Als freie Fotografin und Journalistin berichtet sie vor allem für die Wiener Straßenzeitung „Augustin“. Aufgrund eingeschränkter Möglichkeiten während des Lockdowns ist die Reportage „Der Corona-Lockdown und die armen Wiener“ mit analogen Fotografien bebildert. Es handelt sich um die ersten analogen Filmaufnahmen der Autorin.


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Fünf Jahre nach der Flucht

Fünf Jahre nach der Flucht

In Kooperation mit News


Im Herbst 2014 berichtete News von einer syrischen Familie, die aus Damaskus geflohen war. Die damals schwangere Zahra Hindieh schaffte es bis nach Österreich. Ehemann und Tochter kenterten mit einem überfüllten Flüchtlingsboot vor Griechenland. Wie geht es der Familie heute? Wie ist die Stimmung in Österreich fast fünf Jahre nach der großen Flüchtlingsbewegung?

von Saskia Wolfesberger/News
Fotos: Heinz Stephan Tesarek/ZZON

Die Suppe kocht über. Zahra Hindieh schwelgt in den Erinnerungen und merkt nicht, wie die weiße Flüssigkeit aus dem Topf quillt. Jetzt schiebt sie ihn hastig vom Herd und wischt auf. Sie versucht, ihre Gedanken in Worte zu fassen: „Während der Flucht hatte ich keine Zeit, um mir Sorgen zu machen. Heute frage ich mich, wie ich das überlebt habe – noch dazu schwanger?“ 

Zahra Hindieh ist 40 Jahre alt. Sie ist Mutter von drei Kindern und lebt und arbeitet in Wien. Im Herbst 2014 wohnte sie in einem kahlen Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft in Linz. Ihre Tochter Alma war gerade geboren. Mit gemischten Gefühlen betrachtete Zahra Hindieh damals ihr Baby. Es waren die Monate, bevor Europa in eine neue Wirklichkeit katapultiert wurde und Österreich eine der größten Einwanderungsbewegungen der Nachkriegszeit erlebte. Seit 2015 wurden hier 183.000 Asylanträge gestellt, davon wurde 112.000 Menschen Schutz gewährt. Und jetzt erinnern die aktuellen Bilder von der türkisch-griechischen Grenze an die Flüchtlingskrise von vor fünf Jahren. 

Ein Beispiel von Hunderttausenden 

Die Odyssee der Familie Hindieh ist eine, die Hunderttausende Menschen erleben, seit die Gewalt in Syrien tobt. Nachdem eine Bombe die Wohnung der Hindiehs zerstörte, flohen sie 2014 zuerst nach Kairo. Von dort aus versuchten Tochter und Vater, mit einem rostigen Kahn über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Die beiden wollten es bis nach Österreich schaffen, Asyl beantragen und die schwangere Zahra auf dem sicheren Weg nachholen. Doch der Plan scheiterte.

Lesen Sie hier weiter.


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Der Tag, an dem die SPÖ das Bundeskanzleramt verlor

Der Tag, an dem die SPÖ das Bundeskanzleramt verlor

Ein Kommentar zur Nationalratswahl 2017 mittels zweier Fotografien: des letzten und des ersten Bildes einer am Tag der Wahl fotografierten Reportage. Eines sei bei Betrachtung der beiden Fotos in Erinnerung gerufen: der an die Entscheidungen der deutschen Bundeskanzlerin Angelika Merkel angelehnte Kurs der SPÖ während der Flüchtlingskrise 2015/2016.

Fotos und Text: Heinz Stephan Tesarek


Bild 1

15. Oktober 2017, 23:28 Uhr. Das letzte Bild des Wahltages

Ein Paar passiert Antiterror-Poller vor dem österreichischen Bundeskanzleramt. Errichtet wurden die baulichen Maßnahmen während des Wahlkampfs.


Bild 2

15. Oktober 2017, 23:28 Uhr. Das erste Bild des Wahltages

Ein Fahrzeug passiert die Zufahrt zur Fußgängerzone Kärntner Straße. Für einen Attentäter bestünde freie Fahrt bis zum Stephansdom.


Zwei Wochen später: Amokfahrt in New York

Foto links außen: Am 31. Oktober – zwei Wochen nach der Nationalratswahl – kamen beim Anschlag eines usbekischen IS-Terroristen in New York acht Menschen ums Leben. Der Attentäter war mit einem gemieteten Kleintransporter einen Radweg entlanggerast.

Korrektur: Beim Foto unten („Wahltag. Freie Fahrt zum Stephansdom“) ist das Datum inkorrekt angeführt. Aufnahmezeitpunkt war der 15. Oktober.

Aktualisierung: Mittlerweile wurden auch an der Zufahrt zur Kärntner Straße Poller errichtet.


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Wie es ZWISCHENZEIT ONLINE und AUGUSTIN gelang, die Fotoreportage des Jahres zu produzieren

Aufmacherfoto: die Verleihung des „Objektiv“ 2019 im Wiener „Metropol“ (alle im Beitrag gezeigten Fotos des Abends © APA – Austria Presse Agentur/APA-Fotoservice/Hörmandinger)
Zusatzbild: Sechs Monate davor, im „Weberknecht“, bei der Produktion der später ausgezeichneten Reportage „Chabela, die Königin vom Kella“.


Wie es ZWISCHENZEIT ONLINE und AUGUSTIN gelang, die Fotoreportage des Jahres zu produzieren

Bei der diesjährigen Verleihung der „Objektiv“-Pressefotopreise der Austria Presse Agentur wurde ZWISCHENZEIT ONLINE (ZZON) in zwei von sechs Kategorien ausgezeichnet. Gleich die erste für das neue Onlinemagazin fotografierte Geschichte „Chabela – die Königin vom Kella“ erhielt den „Objektiv“ für die beste Fotoreportage des Jahres. Wie es in Zusammenarbeit mit der Straßenzeitung „Augustin“ und zwei Studenten der FH für Journalismus gelang, sich gegenüber den Produktionen der großen Medienhäuser zu behaupten, lesen Sie im Folgenden. 

Anfang 2019 veröffentlichte ZWISCHENZEIT ONLINE zwei Fotoreportagen, die in Zusammenarbeit mit der Straßenzeitung „Augustin“ und Studenten des Instituts für Journalismus und Medienmanagement der FH Wien produziert wurden: „Chabela – Die Königin vom Kella“ und „Der kleine Tod des Pornokinos“. Ziel der Kooperation war zunächst, mit minimalen Mitteln bestmögliche Reportagen zu produzieren und diese im Anschluss zeitgleich auf ZWISCHENZEIT online und im „Augustin“ in einem Printmedium zu veröffentlichen. ZZON würde erstmals die Vision eines neuen Online-Reportage-Magazins veranschaulichen können, der „Augustin“ im Moment einer angespannten wirtschaftlichen Situation Arbeiten veröffentlichen, wie sie auch in finanzstärkeren Medien kaum noch zu sehen sind (die beiden Bildserien wurden dem „Augustin“ unentgeltlich zur Verfügung gestellt).

Foto oben: Gegenseitige Unterstützung, das Teilen vorhandener Ressourcen und ein wenig Reporterglück führten zum Erfolg: FH-Studenten Sebastian Panny („Chabela – Die Königin vom Kella“) und Jonathan Weidenbruch („Der kleine Tod des Pornokinos“) mit ZZON-Gründer Heinz Stephan Tesarek und „Augustin“-Redaktionsmitglied Reinhold Schachner (v. l. n. r.).
Foto: Nina Strasser


Um die Geschichten auch für den „Objektiv“ einreichen zu können, galt es zunächst eine Hürde zu nehmen: die näher rückende Einreichfrist. Das erforderte vom „Augustin“, die Pornokino-Story kurzfristig eine Ausgabe früher als geplant zu veröffentlichen – was schließlich noch gelang. Nur fünf Tage vor Verstreichen der Einreichfrist erschien die Geschichte synchron im „Augustin“ und auf ZZON.

Die Verleihung des Objektiv 2019

Beste Fotoserie des Jahres

Gleich mit der ersten für das ZZON-Magazin und den „Augustin“ fotografierten Reportage „Chabela – Die Königin vom Kella“ gewann ZWISCHENZEIT ONLINE in der Kategorie „Beste Fotoserie“ (Fotos: Heinz Stephan Tesarek, Recherche und Text: Sebastian Panny).

In ihrer Laudatio stellte Nana Siebert, stellvertretende Chefredakteurin des „Standard“, fest, dass es eigentlich traurig sei, dass die Serie in einem vom Fotografen selbst gegründeten Reportagemagazin – ZWISCHENZEIT ONLINE – und einer Straßenzeitung – dem „Augustin“ – erschien. „Es ist eine merkwürdige Situation, dass man bei einem Fotopreis wie dem „Objektiv“ kaum Reportagen zu sehen bekommt, die von großen Verlagen beauftragt wurden“, so Siebert. Zudem höre man immer öfter: „Fotografen für mehrere Tage auf Reportage zu entsenden, ist zu teuer“. Große Bildstrecken bei immer kleiner werdenden Umfängen abzudrucken, sei mittlerweile Luxus.

Bestes Bild in der Kategorie „Kunst und Kultur“

Mit welch geringen Mitteln sich Reportagen dennoch umsetzen ließen, verdeutlichte neben „Chabela – die Königin vom Kella“ eine zweite an dem Abend ausgezeichnete Produktion: Mit dem Bild „Der kleine Tod des Cinéma érotique“ gewannen ZWISCHENZEIT ONLINE und der „Augustin“ auch die Kategorie „Kunst und Kultur“ (Foto: Heinz Stephan Tesarek, Recherche und Text: Jonathan Weidenbruch).

Laudatorin Luzia Strohmayer-Nacif, Leiterin des APA-PictureDesk, bemerkte Analogien zwischen Kino und Pressefotografie: „Digitale Welten übernehmen reale Ereignisse und schaffen so auch Einsamkeit. Tesarek ist es einmal mehr gelungen, ein Zeichen der Zeit in einem einzigen Bild einzufangen.“

Das Wirtschaftsfoto des Jahres – produziert vom „Augustin“

Der „Augustin“ konnte sich auch über einen dritten von insgesamt sechs Preisen freuen: Die Fotografin und Journalistin Nina Strasser erhielt für ihr Bild „Erika die Erste“ die Auszeichnung in der Kategorie „Wirtschaft“.

Fazit

Der Status quo des Genres Fotoreportage

Sämtliche 2019 ausgezeichneten Arbeiten, die auf Grundlage von Eigenrecherchen (zweier FH-Studenten) entstanden, wurden von der Straßenzeitung „Augustin“ beauftragt. In zwei Fällen wurden diese Arbeiten von einem de facto One-Man-Magazin – ZWISCHENZEIT ONLINE – produziert und coveröffentlicht. Dass die führenden Verlage zusehends weniger in Fotoproduktionen und Vor-Ort Recherche investieren (können), ist in jedem Fall bedauerlich. Nicht zuletzt, da sich – die „Objektiv“-Auszeichnungen bezeugen das – auch mit geringen Mitteln beachtliche Produktionen erstellen ließen.

Warum es gute Bilder braucht

Ein schlüssiges Argument für die Aufrechterhaltung von Produktion und Veröffentlichung bestmöglicher Fotografie lieferte zuletzt „Objektiv“-Kategoriesiegerin Nina Strasser (sie wurde auch für ihre Textreportagen vielfach ausgezeichnet) in einem im „Augustin“ erschienenen Interview:

„Bilder animieren zum Lesen“!


Das Pressefoto des Jahres

Oder: Die Beste kommt zum Schluss

Mit dem Hauptpreis des Bewerbs wurde die Reuters-Fotografin Lisi Niesner für ihr Bild „Brexit“ ausgezeichnet. Als erste weibliche Teilnehmerin erhielt sie den „Objektiv“ für das „Pressefoto des Jahres“.


Die Gewinnerbilder des Objektiv 2019

ZWISCHENZEIT ONLINE gratuliert allen Gewinnerinnen und Gewinnern!


Im Gedenken an Erich Lessing
(1923-2018)

hst/APAOTS


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LIES! – Die Koranverteiler von der Mariahilfer Straße

LIES! – Die Koranverteiler von der Mariahilfer Straße

Die beinahe unveröffentlicht gebliebene Reportage, die zum Ende des „LIES!“-Projekts in Österreich führte – und Anstoß zur Gründung von ZWISCHENZEIT ONLINE gab.


Jahrelang begegnete man ihnen in Fußgängerzonen in ganz Europa: den Aktivisten der Koranverteilungskampagne „LIES!“. Aber wer waren diese Männer und welche Ziele verfolgten sie? Lag ihre Aufgabe in der Verteilung von Koranen oder rekrutierten die LIES!-Leute zudem für den Islamischen Staat und den Dschihad in Syrien? Wenn dem so war: Warum ließ man sie über Jahre ungehindert gewähren?

von Heinz Stephan Tesarek (Text & Fotos)

Spätsommer 2015. In Syrien tobt der Krieg, in Europa nähert sich die Flüchtlingskrise ihrem Höhepunkt. Auf der Wiener Mariahilfer Straße stehen fromme Männer mit langen Bärten und suchen das Gespräch mit Passanten, verteilen kostenlose Exemplare des Korans. Nicht nur in Wien, auch in anderen Städten; von Berlin bis Zürich, von Eisenstadt bis Mürzzuschlag. Man sieht sie in Paris, in London, am Balkan und im Vorfeld der Olympischen Spiele sogar in Rio de Janeiro.

Die Produktion der Bilder

Die folgende in vier Kapitel gegliederte Fotoreportage entstand in den Jahren 2008, 2011 und 2015. Ziel war die Zusammenstellung einer Bildserie – einer visuellen Indizienkette –, welche die Hintergründe des „LIES!“-Projekts unmissverständlich offenlegt.


LIES! – Die Koranverteiler von der Mariahilfer Straße
Eine Fotoreportage in vier Kapiteln

Warnung: Die Serie enthält Szenen extremer Gewalt

Für die abgebildeten Personen gilt die Unschuldsvermutung


Keine Koranverteilungen während des Wahlkampfs

Bemerkenswertes Detail am Rande der Produktion: Die Aufnahmen auf der Mariahilfer Straße entstanden im August und im Oktober 2015. Im September wurden keine Bilder gemacht – aus delikaten Gründen: Es herrschte Gemeinderatswahlkampf und die Organisation hatte (eigenen Angaben zufolge) zeitweilig keine Bewilligung zum Betrieb ihrer Stände erhalten. Nach Austragung der Wahl (die SPÖ gewann mit 39,59 Prozent der Stimmen vor FPÖ und Grünen) wurden die Verteilungen wieder aufgenommen.

Bild oben: Ein Wahlplakat der SPÖ auf der Mariahilfer Straße, aufgenommen während der „Refugees Welcome – Walk of Fame der Menschlichkeit“-Demonstration im Oktober 2015.


Die Veröffentlichung der Serie und das Ende des „LIES!“-Projekts

Die „LIES!“-Reportage erschien am 22. November 2015 – neun Tage, nachdem bei Anschlägen des IS in Paris 130 Menschen ums Leben kamen – auf sechs Seiten in der Sonntagsbeilage der Kronen Zeitung und erreichte über drei Millionen Leser. Drei Tage später – am 25. November – gab das „LIES!“-Projekt die einstweilige Einstellung seiner Aktivitäten in Österreich bekannt (die Veröffentlichung in KRONE BUNT ist hier zu sehen).

Die Veröffentlichung auf ZWISCHENZEIT ONLINE

Ursprüngliche Schwierigkeiten, Abnehmer für diese Fotos zu finden, führten im Herbst 2015 zur Idee eines neuen Onlinemagazins, welches die (aus Sicht des Fotografen) in der Berichterstattung fehlenden Bilder präsentieren sollte: ZWISCHENZEIT ONLINE. Denn hätte KRONE BUNT die Reportage nicht übernommen, wären die Bilder möglicherweise nie erschienen (die Geschichte befindet sich seit 2015 im europaweiten Agenturvertrieb und fand keinen weiteren Abnehmer).

Im Juni 2019 erscheint „LIES! – Die Koranverteiler von der Mariahilfer Straße“ erstmals online.

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Album: Esharate Nazar
Erscheinungsdatum: 2017
Label: Parsi Records


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Der kleine Tod des Pornokinos

Der kleine Tod des Pornokinos

Eine ZWISCHENZEIT ONLINE-Produktion in Zusammenarbeit mit der Straßenzeitung „Augustin“ und dem Institut für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien.

Das Bild „Der kleine Tod des Cinéma érotique“ (Aufmacherfoto oben) wurde 2019 mit dem APA-Pressefotopreis „Objektiv“ als bestes Foto des Jahres in der Kategorie „Kunst und Kultur“ ausgezeichnet.


Eines der letzten Wiener Erotikkinos ist in der Favoritenstraße vorzufinden. Jonathan Weidenbruch (Text) und Heinz Stephan Tesarek (Fotos) schauten sich das Fortuna Kino an.

Die Frau hinter der Theke zündet sich noch eine Zigarette an. Mit einem Augenzwinkern verrechnet sie 10,50 Euro für das Tagesticket und wünscht mit einer rauchigen Stimme viel Spaß bei der Vorstellung. Sie sitzt hinter der Theke im Fortuna Kino. Das Foyer stammt aus einer Zeit, als Eleganz noch Mode war. Dunkelrot beleuchtete Wände. Das Mobiliar war ganz bestimmt mal sehr modern, mutet heute aber antik an. Im Eck steht eine alte Popcornmaschine auf drei Rädern. Ein paar Filmplakate und erotische Werbeposter zieren die Wände. Am Anfang des Foyers, neben den Sesseln, die High-Heels imitieren sollen, sitzt eine weibliche Gummi-Puppe auf einem Barhocker, eingekleidet mit Latexstiefeln und schwarzer Reizunterwäsche. Am Ende des Raumes ist der Eingang in den Kinosaal. Es sind nur zwei Gäste im Saal, die in den hinteren Reihen tief in den Stoffsitzen hängen und masturbieren. Immer wieder hört man leises Stöhnen oder zitterndes Ausatmen. Auf der Leinwand haben zwei braungebrannte junge Menschen mit trainierten Körpern Sex am Pool.

Glück oder Schicksal

Das Fortuna Kino, eines der letzten Erotikkinos in Wien, feiert dieses Jahr sein 99-jähriges Bestehen. Der aktuelle Betreiber wirbt zwar mit «Seit 1918», doch wissenschaftliche Quellen nennen 1920 als Gründungsjahr, damals noch als «Anker Kino», das 134 Sitzplätze bieten konnte. Mit der Aufnahme von Tonfilmen im Jahr 1931 erfolgte auch die Umbenennung in «Fortuna Ton Kino». Es ist zusammen mit den Breitenseer Lichtspielen in Penzing das letzte klassische Vorstadtkino Wiens. «Fortuna» heißt aus dem Lateinischen übersetzt so viel wie «Glück» oder «Schicksal».

Kaum passender, denn während das Kino vom erotischen Glück innerhalb seiner Wände lebt, muss es sich gleichzeitig dem Schicksal des Wandels von außerhalb stellen. In Favoriten gab es im Laufe der Geschichte – die Quellenlage ist hier nicht eindeutig – insgesamt an die 20 Kinos, wobei das Fortuna Kino als einziges überlebt hat, abgesehen vom Cineplexx Wienerberg, das erst 2001 errichtet worden ist. Als die großen Kinoketten nach Wien kamen, haben sie viele der kleinen Kinos in den Ruin getrieben. Mitte der 70er-Jahre fand sich auch das Fortuna Kino in einer Überlebenskrise wieder. Es sah sich gezwungen, den regulären Betrieb einzustellen, und baute das gesamte Kino in ein Erotikkino um. Die Zahl der Sitze wurde halbiert und der gesamte Betrieb erotisch eingefärbt. Mit den breiteren Sitzabständen wurde das Kinoerlebnis um einiges intimer und die Besucher_innen konnten ihren sexuellen Lüste mehr oder weniger freien Lauf zu lassen.

Es fehlt an Sympathie

Rund vierzig Jahre später steckt das Fortuna Kino erneut in einer Krise. Seine Existenz wird vom Aussterben der Kundschaft bedroht. Mario Adlassnig hat das Fortuna Kino vor vier Jahren übernommen und sorgt seitdem für das Überleben des Kinos. «An manchen Tagen kommen während der gesamten Öffnungszeit gerade einmal 20 Gäste in das Kino. Das ist extrem wenig und bei einem Eintrittspreis von 10,50 Euro kann man sich ausrechnen, dass hier nicht viel Geld zusammenkommt.» Die Lage des Kinos ist prekär.


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Auch Personal zu finden, das die Arbeit zuverlässig macht, ist schwierig. Mario Adlassnig erzählt, dass es in der Vergangenheit schon oft Probleme mit Aushilfskräften gegeben habe, die Tagespässe nicht verrechnet hätten, um sich das Geld selbst einzustecken. Was vor allem fehlt, sei eine Sympathie für das Etablissement und das Konzept der Erotikkinos an sich. Nicht nur bei der Aushilfskraft, sondern auch in der Gesellschaft. Mario Adlassnig vergleicht es mit anderen traditionellen Einrichtungen: «Wenn das Geschäft nicht läuft und kurz vor dem Sterben ist, interessieren sich die wenigsten dafür. Sobald es dann zumacht, finden es alle furchtbar traurig und fragen sich, wieso denn so ein Geschäft sterben musste.»

Der Grund für das drohende Aussterben dieser Genrekinos ist sehr logisch. Für viele Menschen hat ein Erotikkino einfach keinen praktikablen Nutzen mehr. Wer sich heute Pornofilme anschauen möchte, greift auf die immense Auswahl im Internet zurück. Erotikkinos zählen zu jenen Gewerben, welche durch die Digitalisierung laufend Kund_innen verlieren und sich fast nur mehr auf ihre langjährigen Kundenstämme verlassen können. Das Kino am Währinger Gürtel, ein anderes kultiges Erotikkino, das zum Fortuna Kino dazugehörte, hat diesen Kampf bereits verloren und musste letzten Sommer zusperren. Es sprach das urige Klientel an und konnte in Zeiten von Internetpornographie keine neuen Gäste gewinnen.


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Feierabendbier im Foyer

Zu einem beachtlichen Teil lebt das Kino von Stammgästen und vor allem von denen, die mit den Erotikkinos in Wien aufgewachsen sind. Menschen, die bereits seit Jahren in der Szene unterwegs sind und das Fortuna Kino gut kennen. Das sind zum Beispiel Franz und Erwin, die an einem kleinen Tisch im Foyer gegenüber von der Theke sitzen. Beide sind aus unterschiedlichen Gründen hier. Franz kommt am frühen Abend ins Kino und trinkt hier sein Feierabendbier. Er erzählt, dass er am Kino vor allem die ausgelassene Atmosphäre schätzt. «Für mich ist es hier wie in einem Wirtshaus. Die Leute sind nett, man kann gut reden, und vor allem nimmt sich hier keiner ein Blatt vor den Mund.» Franz kennt sich in der Wiener Erotik-Szene nicht besonders gut aus. Ihn interessiert das weniger. Im Erotik-Kino zahlt er keinen Eintritt, denn wenn er hier ist, hält er sich nur im Foyer auf, im Kinosaal war er noch nie.

Hier nimmt keiner ein Blatt vor den Mund. Wenn es um Sex, Erotik oder Prostitution geht, sind die meisten ganz offen und schämen sich nicht, über ihre Bedürfnisse und Vorlieben zu sprechen. Erwin sitzt neben Franz und macht sich eine Flasche Cola auf. Die trinkt er meistens, wenn er mal wieder das Fortuna Kino besucht. Erwin kennt die Wiener Erotik-Szene schon sehr lange und auch dementsprechend gut. Er kommt aber nicht nur wegen dem Kino her, auch ein anderes Service, das angeboten wird, nützt er: Seit 2016 erfüllt das Fortuna Kino die Richtlinien des Wiener Prostitutionsgesetzes. Aktuell arbeitet Susi hier, und Erwin erzählt, dass sie es ihm besonders angetan hat. Es dauert nicht lang, bis Erwin und Susi im Kinosaal verschwinden und es sich auf der Couch in der letzten Reihe gemütlich machen.

Freiheit im dunklen Saal

Im Tagesgeschäft kommen Gäste auch wegen des erotischen Filmes vorbei. Das Kino gibt ihnen ein Gefühl, das sie zuhause vor dem Computerbildschirm so nicht bekommen. Mario Adlassnig spricht von «sehen und gesehen werden». Viele der Besucher_innen schätzen die Gesellschaft anderer, wenn sie sich selbst befriedigen. Die Möglichkeit einer Berührung oder Oralsex mit anderen Gästen zieht die Leute in ein Erotikkino, wo sie sich aus ihrem Alltag und vor allem von gesellschaftlich festgelegten sexuellen Normen befreien können.

Im dunklen Kinosaal weiß niemand, wer der oder die Andere ist, und es interessiert keine_n, welche sexuelle Orientierung man außerhalb des Kinos auslebt. So ist das Kino auch ein Treffpunkt. Die Dinge ergeben sich hier oft ganz spontan. Man sitzt nebeneinander, tauscht Blicke aus und legt die Hand in den Schoß des Sitznachbarn oder der -nachbarin. Wenn man nicht abgewiesen wird, kommt man sich näher.

Einmal im Monat Nostalgie

Im krassen Gegensatz dazu verwandelt sich das Fortuna Kino jeden vorletzten Samstag im Monat für eine Nacht in ein ganz normales Kino. Der reguläre Betrieb endet um 19 Uhr, damit bis 19.30 Uhr das Kino für den «Nostalgieabend» bereit ist. Erotische Plakate und Sex-Werbungen werden abgehängt und zur Primetime spielt es Klassiker wie Ein Mann sieht rot oderZwei glorreiche Halunken. Popcorn, Mannerschnitten und eiskalte Frucade lassen dann auch den letzten Hauch von Erotik aus dem Kinosaal entweichen und vollenden das perfekte nostalgische Flair.

Vor dem Einlass der Kinobesucher_innen wird der Saal komplett gereinigt. Assoziationen zu einem Erotikkino sind vermutlich unhygienische Kinositze und unappetitliche Hinterlassenschaften voriger Gäste. Um dem entgegenzuwirken, achtet das Fortuna Kino sehr auf Sauberkeit. Ein spezielles Mittel desinfiziert die Sitze, und der gesamte Saal wird nicht nur sauber gemacht, sondern duftet am Ende frisch.

Nachdem die letzten Pornoszenen des regulären Programms über die Leinwand geflimmert sind, leert sich der Saal fast wie von selbst, ein paar bleiben aber immer sitzen. Mario Adlassnig legt meistens noch einen kurzen Pornofilm in den Projektor und wartet, bis die übrig gebliebenen Gäste den Saal verlassen haben. Es ist üblich, dass die allerletzten, meist Stammgäste, an der Theke noch ein Bier oder eine Coca-Cola trinken. Schnell entstehen Gespräche mit anderen Gästen oder mit Mario. Er versteht es, seine Gäste im Foyer zu unterhalten und mit ihnen Schmäh zu führen, so ist im Fortuna-Kino auch noch nach dem Ende des letzten Films etwas los. Kurz nach zehn Uhr sperrt Mario die Tür hinter Susi und dem letzten Gast zu – bis  am nächsten Tag um zwölf der Film von vorne beginnt. ZZ


Die Kooperation mit dem Augustin

Diese Reportage entstand in Zusammenarbeit mit „Augustin“, der „ersten österreichischen Boulevardzeitung“. Die von ZWISCHENZEIT ONLINE produzierten Bilder wurden der Wiener Straßenzeitung unentgeltlich zur Verfügung gestellt.


Das ZZON-Team

Jonathan Weidenbruch ist 1997 in München geboren und in Frankfurt am Main aufgewachsen. Er studiert Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien. „Der kleine Tod des Wiener Pornokinos“ entstand im Zuge einer Lehrveranstaltung zu investigativem Journalismus.

Heinz Stephan Tesarek ist Fotojournalist und Gründer von ZWISCHENZEIT ONLINE. Das nahende Ende der Pornokinowelt fotografierte er durchaus wehmütig. Die Ähnlichkeiten zwischen den Entwicklungen von Pornokinos und Printmedien waren für ihn unübersehbar.


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Chabela, die Königin vom Kella

Chabela, die Königin vom Kella

Eine ZWISCHENZEIT ONLINE-Produktion in Zusammenarbeit mit der Straßenzeitung „Augustin“ und dem Institut für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien.

Ausgezeichnet mit dem APA-Pressefotopreis „Objektiv“ als Fotoreportage des Jahres 2019 und dem Journalismus-Nachwuchspreis der FHWien der WKW in der Kategorie Online/Multimedia.


Akrobatische Kämpfe, alberne Outfits, absurde Charaktere. Eine junge Generation von Athlet_innen und der Weg in den Untergrund haben Wrestling zu einer neuen Zielgruppe verholfen. Über die Renaissance eines Ur-Wiener Sports berichten Sebastian Panny (Text) und Heinz Stephan Tesarek (Fotos).

Das Gespenst des Kapitalismus hält an diesem verregneten Sonntagnachmittag im Jänner auch im Weberknecht Einzug – in der Person der «Million Dollar Ma’am». Das Gesicht versteckt hinter einer Ringermaske und mit prall gefüllten Geldsäcken in den Händen erwartet sie ihre Gegnerin. «She’s got balls» von AC/DC erklingt, Jubel brandet auf. Das Publikum ruft nach der «Königin vom Kella». Chabela sprintet auf die Bühne und zieht sich zwei Eier aus dem Höschen. Die Geldscheine, die ihre Kontrahentin als Bestechungsversuch zusteckt, nimmt sie entgegen – nur um sie publikumswirksam anzuzünden. Die Leute sind angeheizt, der Kampf kann beginnen.

Das Konzept des Wrestlings ist schnell erklärt: Mindestens zwei Athlet_innen bestreiten einen möglichst spektakulären Kampf. Wer gewinnt, wird im Vorhinein bestimmt. Als Wrestling noch Catchen genannt wurde, waren die Kämpfe ein Massenspektakel. Wien galt als eines der europäischen Zentren, ab 1892 fanden im Prater Veranstaltungen statt. Allein im Sommer 1964 fieberten laut ORF-Bericht insgesamt mehr als 350.000 Menschen bei den Shows am Wiener Heumarkt mit. Der letzte große österreichische Vertreter seiner Zunft war Otto Wanz, er durfte sich sogar World Heavyweight Champion nennen. Nach seinem Karriereende 1990 sank die Popularität des Sportes im deutschsprachigen Raum. Kurz vor der Jahrtausendwende ging auch der letzte Kampf am Heumarkt über die Bühne.

Kämpferinnen im Untergrund

Im Keller des Lokals am Lerchenfelder Gürtel drängen sich etwa 170 Personen aneinander und an die kahlen Backsteinwände. Es ist heiß, finster und stickig, der Boden leicht klebrig. Plakate künden von den Veranstaltungen, die sonst stattfinden, die Palette reicht von Bravo-Hits- bis Goa-Partys. Einige der Anwesenden kennen sich, sie werfen sich Grüße zu. Die unterschiedlichsten Leute haben zehn Euro Eintritt bezahlt: Die Sozialarbeiterin mit Dreadlocks und Bandshirt sitzt hier neben dem alten, grauhaarigen Mann im Norwegerpulli. Der überwiegende Teil des Publikums ist jung und könnte auch bei den Abendveranstaltungen anwesend sein, überraschend viele Frauen sind darunter. Warum sie alle hier sind? «Es geht nur um die Gaudi», so eine der Zuseherinnen.


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Alle zwei Monate veranstaltet World Underground Wrestling (WUW) Kämpfe im Weberknecht, sechs stehen an diesem Tag an. Das vorletzte Match, der zweite Frauenkampf an diesem Nachmittag, ist jenes zwischen Chabela und Million Dollar Ma’am. Es folgt einer klassischen Dramaturgie: Nach dem Einlauf beginnt ein Geplänkel, die Kämpferinnen teilen Schläge aus und werfen sich gegenseitig zu Boden. Million Dollar Ma’am hat bald die Oberhand, das Publikum ist nicht glücklich darüber. Rollen und Sympathien sind klar verteilt.

«Zuerst habe ich mir gedacht, ich muss die Böse geben. Das ist aber wirklich harte Arbeit und benötigt viel Erfahrung. In erster Linie musst du gegen das Publikum sein. Ich habe dann alles auf mich zukommen lassen – das ist jetzt eben da, damit spiele ich», erzählt Chabela in einem Beisl in Rudolfsheim. Die 38-Jährige heißt im echten Leben mit Vornamen Isabell. Ihren Nachnamen möchte sie nicht in dieser Zeitung finden, es solle – ihrem Wunsch nach – ihre Bühnenfigur im Mittelpunkt stehen.

Isabell kommt, wie einige Wrestler_innen, aus der performativen Kunstszene. Eigentlich ist Isabell Clownin, sie verdient ihr Geld auch als Kindergartenpädagogin und mit Straßentheater. Irgendwann wollte sie einen Kampfsport erlernen, bald kam sie auf Wrestling, «diese saublöden Gestalten, die da bunt angezogen in die Manege reiten und sich gegenseitig vermöbeln». Vor vier Jahren suchte sie sich eine Wrestlingschule aus und ging zu einem Trainingstermin. Dass genau an diesem Tag das Training ausfiel, änderte nichts daran, dass Chabela schon vier Monate später ihren ersten Kampf bestritt.

Drama, Baby

Das Match nimmt nun Fahrt auf, langsam wendet sich das Blatt. Das liegt nicht nur am Geschehen auf der Bühne, das Publikum spielt hier mit. Die Zuseher_innen kommentieren, feuern an – und vor allem schimpfen sie. «Brich ihr’s Gnack!» ist noch einer der harmloseren Zwischenrufe. Drei Frauen sehen sich erschrocken um, rücken etwas näher zusammen. Sie studieren Theaterwissenschaften und sind nur wegen einer Lehrveranstaltung hier. «Ich finde das eher verstörend», meint eine von ihnen.

«Schlimm ist es, wenn die Leute ruhig sind. Wrestling ist wie eine Seifenoper – nur halt mit Publikumsbeteiligung und Kampfsport», meint Chabela. Viele Zuseher_innen kommen regelmäßig und bringen Schlachtrufe für ihre Favorit_innen mit. Sie sind hier nahe am Geschehen: Im Unterschied zum normalen Wrestling gibt es weder Ring noch Seile. Die Kämpfe finden auf einer Bühne statt, verlagern sich oft auf den Bereich davor oder in den Gang zwischen den Bänken. Dort landet auch Chabela, sie hat ihre Gegnerin mittlerweile im Griff und jagt sie durch das Publikum. Nach einer Tracht Prügel wuchtet sie Million Dollar Ma’am auf ihre Schultern, steigt auf die Bühne und präsentiert ihre Beute.


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Ein Gast ist begeistert: «Das hier hat eine ganz eigene Atmosphäre, es ist wie ein trashiges B-Movie!» Nach dem Event versammeln sich alle Kämpfer_innen für ein Foto auf der Bühne. Um Chabela herum sind vorwiegend männliche Kollegen, manche sehen aus, als könnten sie einen mühelos in zwei Hälften brechen. Wird man als Frau in so einer Umgebung ernst genommen?

«Sexismus oder Belästigungen habe ich hier nie erlebt», betont Chabela. Sie wirkt fast empört über die Frage. «Am Anfang gab es vereinzelt Rufe aus dem Publikum, die zu weit unter die Gürtellinie gingen. So etwas wie ‹Scheiß ihr auf den Bauch!› Als es mir mal zu tief wurde, hab ich mir das Mikro geschnappt und das Publikum gefragt ‹Oida, wem von euch soll ich jetzt am Bauch scheißen?› Da waren sie ruhig. Jetzt habe ich schon lang nicht mehr so etwas gehört, aber das Publikum hat sich auch verjüngt.» Auch die Gagen sind fair: Alle Erlöse des Tages werden gleichmäßig verteilt.

Der Preis des Erfolgs

Wrestling ist nicht nur Show. Bis ein Sportler oder eine Sportlerin in der Lage ist, einen Kampf zu führen, dauert es einige Zeit. Im Keller einer katholischen Privatschule findet eines der zwei wöchentlichen Trainings statt. «Heute ist das erste nach einer Show. Da kommen immer recht wenige», erzählt Chabela am Weg. Vier Personen sind es diesmal – inklusive Trainer. «Zuseher brauchen wir nicht noch mehr, da sind wir eh schon an unseren Grenzen. Nachwuchs brauch ich dringend!» Klein, stämmig, feurige Tattoos bis hinauf zur Glatze, keine fünf Sätze ohne einen Spruch in breitestem Wienerisch – Gerhard Hradil alias Humungus ist der Inbegriff des Wiener Strizzi.

Über 30 Jahre ist er jetzt in der Branche tätig. Erst als Kämpfer, dann als Veranstalter. «Früher war alles ernster. Erst 1997 wurde öffentlich gemacht, dass Wrestling nicht wirklich echt ist. Sogar ich war mir damals nur zu 90 Prozent sicher, dass das alles gespielt ist.» Während er erzählt, üben seine Schüler_innen, korrekt hinzufallen. «Du musst natürlich beide Aspekte lernen: das Kämpfen und die Show. Das Kämpferische ist dabei sicher schwieriger. Herkommen kann aber jeder. Heast, oft kannst nicht so fallen, ohne dir die Hand zu brechen!», ruft er einem seiner neueren Schüler zu. Viele seiner Schützlinge interessieren sich eher für die künstlerischen Aspekte – Charakter ausdenken, Outfit designen, die Rolle verkörpern. «Bei der Schauspielerei gibt es keinen Körperkontakt, das ist der Unterschied. Das müssen viele erst lernen.»

«Alle nahmen sich zu ernst.»

Sein Sport wird in den letzten Jahren wieder populärer, die Kämpfe sind praktisch ausverkauft. «Wir sind 2012 der WUW beigetreten, eigentlich wollte ich davor schon aufhören. Es war viel Arbeit, die Shows waren aufgeblasen, gleichzeitig nahmen sich alle zu ernst. Dass ich etwa am Ende der Show noch alle für ein Foto auf die Bühne bringe, wäre früher nicht gegangen. Viele würden mich auch heute noch fragen, ob ich deppert bin. Aber vielleicht macht das auch unseren Erfolg aus.» Auch Chabela erklärt sich den Boom der letzten Jahre ähnlich. «Wir nehmen den Sport schon ernst. Aber uns selbst dafür nicht ganz so.»

Ihr Kampf mit Million Dollar Ma’am nähert sich seinem Ende. Chabela wirft ihre Kontrahentin zu Boden und sich selbst, Ellbogen voran, drauf. Ein mehrkehliges «Uhhh» ertönt im Publikum – teils aus Bewunderung, teils aus mitgefühltem Schmerz. Schließlich beendet sie das Leid ihrer Gegnerin mit einem Aufgabegriff, der Schiedsrichter erklärt sie zur Siegerin. Chabela nimmt sich einen Geldsack, läuft durch das Publikum und lässt es falsche Geldscheine und Schokomünzen regnen. Das Volk feiert seine Königin. ZZ


Die Kooperation mit dem Augustin

Diese Reportage entstand in Zusammenarbeit mit „Augustin“, der „ersten österreichischen Boulevardzeitung“. Die von ZWISCHENZEIT ONLINE produzierten Bilder wurden der Wiener Straßenzeitung unentgeltlich zur Verfügung gestellt.


Das ZZON-Team

Sebastian Panny, geboren 1986 in Reichraming, studiert Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien. „Chabela, die Königin von Kella“ entstand im Zuge einer Lehrveranstaltung zu investigativem Journalismus.

Heinz Stephan Tesarek ist Fotojournalist und Gründer von ZWISCHENZEIT ONLINE. Für Tesarek war es die erste Reportage, die in Zusammenarbeit mit der Straßenzeitung AUGUSTIN entstand.


The Making of Chabela

Die Entstehung dieser Reportage wurde zufällig auf Video festgehalten. Im Beitrag „Shooting Chabela. So entstand die Fotoreportage des Jahres“ sehen Sie die Produktion der entscheidenden Bilder.


Technische Informationen

Die Chabela-Serie
In den Captions finden Sie technische Informationen zu den Bildern

Kamera:
Canon EOS 5D Mark IV

Objektive:
Canon EF 24mm f/2.8 IS USM
Canon EF 35mm f/1.4L USM
Canon EF 85mm 1/1.8 USM


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Künstler: Ibrahim Maalouf
Titel: True Sorry
Album: Illusions
Erscheinungsdatum: 5. November 2013
Label: Mi’ster Productions


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Erstausgabe 2013

Kopie № 1–100 mit Fine-Art Print
Nominiert für den deutschen Fotobuchpreis 2014


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